Blogartikel August 2017

Leistenschmerz

 

Leistungslimitierende LEISTENPROBLEME – Diese sind kein spezifisches Problem der Läufer, jedoch relativ häufig in einer allgemein- und sportmedizinischen Praxis.

 

von DR. RONALD ECKER

 

Etwas genauer gehe ich auf Leistenschmerzen durch Muskel-Sehnen-Verletzungen ein – die sogenannte „Leistenzerrung“. Nicht unterschätzen darf man andere Ursachen von Leistenschmerzen, deren Symptomatik einander oft sehr ähneln, jedoch völlig andere therapeutische Konsequenzen nach sich ziehen:

  •  Leistenbruch (Leistenhernie):
    • ab einer gewissen Größe typischerweise sichtbare und tastbare Schwellung, es besteht kaum eine Chance, dass sich die Bruchlücke von selbst verschließt, ein symptomatischer Leistenbruch ist somit eine klassische Operations-Indikation.
  •  Lymphknotenentzündung:
    • die Lymphknoten der Leiste sind die lymphableitenden Stationen des Beins, jegliche Entzündung (z. B. infizierter Insektenstich) des Beins führt zur schmerzhaften Schwellung von Leisten-Lymphknoten. Einfach zu tasten, in Zweifelsfällen muss Ursachenforschung betrieben werden – Basisuntersuchung zumindest Ultraschalluntersuchung und Blutbild.
  •  Nebenhodenentzündung (Epididymitis):
    • anfangs leicht zu übersehen, da oft langsam entstehend, bei typischer Ausprägung dann eindeutiger Tastbefund – antibiotische Therapie.
  •  Erkrankungen des Bauchraums:
    • Harnleiter (Entzündung, Stein) mit Ausstrahlung, gynäkologische Erkrankungen, Baucherkrankungen (Blinddarmentzündung u. a.). Übersehen werden dürfen solche gesundheitlichen Probleme nicht!
  •  Hüftgelenkserkrankungen:
    • äußern sich häufig in einem Leistenschmerz teilweise mit Ausstrahlung in den Oberschenkel rein, typisch sind Bewegungseinschränkungen des Hüftgelenks in bestimmten Richtungen: Innenrotation, Beugung, evtl. Überstreckung. Je nach Lebensalter gibt es typische Erkrankungen – beim Kind der Morbus Perthes, bei jungen Erwachsenen die Hüftkopfnekrose, bei älteren Menschen die Coxarthrose (Gelenksabnützung).
  •  Auf Muskel-Sehnen-Probleme, welche umgangssprachlich Leistenzerrung genannt werden, möchte ich etwas genauer eingehen: Die Zerrung entsteht typischerweise akut mit einschießendem Schmerz, manchmal jedoch auch langsam im Sinne einer Überlastung. Die folglich beschriebenen Muskeln können beteiligt sein, differenzieren kann man durch Widerstandstests bzw. durch Tasten – hierfür muss man allerdings geübt sein:
    •  die Adduktoren, führt zu Schmerzen bei Adduktion (Heranziehen des Beins zur Mitte) gegen Widerstand.
    •  der Hüftbeuger (M. iliopsoas): Schmerzen sollte dann die Hüftbeugung gegen Widerstand auslösen. Hier gibt es zusätzlich einen Schleimbeutel zwischen Muskel und Schambeinast, welcher im Falle einer Reizung ebenso einen Leistenschmerz hervorruft, jedoch wieder völlig anders therapiert werden muss.
    •  Die Bauchmuskeln, genauer gesagt die geraden Bauchmuskeln: die Schmerzen werden eher mittig angegeben, da der M. rectus abdominis an der Symphyse (Schambein) ansetzt. Schmerzen sollten beim Sit-up berichtet werden. Gemeinerweise gibt es auch eine „entzündliche Erkrankung“ der Symphysenfuge selbst, die „Osteitis pubica“. Wegen der möglichen weitläufigen Schmerzausstrahlungen ist die Diagnosefindung schwierig, Therapie der Wahl ist das mehrwöchige Tragen eines Beckengurtes.

 

MAßNAHMEN BEI EINER LEISTENZERRUNG

Belastendes Training (leider oft auch das Lauftraining) – sofort pausieren, statt dessen Alternativtraining (Rad …). Damit verhindert man das Auftreten von ständig neuen Überlastungen und minimiert den Abbau der körperlichen Leistungsfähigkeit.

  •  Passiv ist „alles erlaubt“: Ultraschalltherapie, Softlaser, Querfriktionen am Sehnenansatz, Fascientechniken … bis zu Infiltrationen mit komplexhomöopathischen Mitteln (Traumeel u. a.).
  •  Selbst oder mit Begleitung durch einen Trainer/Therapeuten:
    •  Dehnen – am besten rhythmisch dynamisch
    •  Kollagentraining: Widerstandstraining der verletzten Muskeln mit hoher Wiederholungszahl und niedrigen Widerständen – Ziel ist nicht eine Kraftzunahme, sondern das Setzen von therapeutischen Reizen.

 

Wieder möchte ich auf die Notwendigkeit von prophylaktischen Maßnahmen hindeuten: ein Läufer soll/darf nicht nur laufen, sondern soll/muss unbedingt auch Ausgleichstraining betreiben. Je vielseitiger der Körper ausgebildet ist, desto widerstandsfähiger, desto flexibler kann auf hohe Belastungen reagiert werden.