Blogartikel Juni 2017

Muskelverletzungen im Sport, Teil 1

 

von DR. RONALD ECKER

 

Akute Muskelverletzungen kommen bei Mittel- und Langstreckenläufern nicht ganz so häufig vor wie in anderen Sportarten, umso häufiger sind jedoch Muskelüberlastungen. Speziell die Wadenmuskulatur wird durch die 1000-fache rhythmische Abstoßbewegung stark beansprucht, sogenannte ´Muskelverhärtungen´ sind hier häufig anzutreffen. ´Muskelkrämpfe´ als Ermüdungserscheinung bei längeren Laufeinheiten – speziell bei Marathondistanzen – können alle Muskelgruppen erleiden, auch hier sind die rückwärtigen Beinmuskeln (Waden, Hamstrings) häufiger betroffen.

 

Ich möchte in diesem Artikel neben einigen allgemeinen Informationen über die Einteilung von Muskelverletzungen schreiben, im nächsten Beitrag dann Informationen über Regenerationsmechanismen und deren Zeitverlauf, Erste-Hilfe-Maßnahmen, Therapien und rehabilitative Maßnahmen geben.

 

ALLGEMEINES

Die Skelettmuskulatur macht ca. 40% des Körper-Gesamtgewichtes einer durchschnittlichen männlichen Person aus, d. h. ca. 28kg bei einem 70kg Mann. Bei einem austrainierten Kraftsportler kann die Muskelmasse auf etwa 65% des Körpergewichts ansteigen. Die 220 beschriebenen Einzelmuskeln unseres Körpers sind schon makroskopisch sehr heterogen, der mikroskopisch-histologische Aufbau und gar die Muskelphysiologie (die zur Kontraktion führenden Mechanismen) sind äußerst komplex. Muskeln mit häufigen Verletzungen erstrecken sich oft über 2 Gelenke, etwas 92% der Verletzungen betreffen die 4 großen Muskelgruppen der unteren Extremität: ischiokrurale Muskulatur und Wadenmuskulatur bei Läufern, zusätzlich M. quadriceps femoris und Adduktoren wenn andere Sportdisziplinen einbezogen werden.

 

Im Jahr 2011 erfolgte die in Folge vorgestellte Klassifikation und Standardisierung von Muskelverletzungen durch internationale Experten der Sportmedizin. Ein Sportler muss sich an Fristen halten können, diese sind Orientierung und Ziel zugleich. Das Wissen über Muskelverletzungen ist trotz der Häufigkeit des Vorkommens oftmals auch bei medizinischen Fachpersonal gering, oft werden diese Verletzungen unterschätzt bzw. falsch eingeschätzt.

 

MECHANISMEN DER MUSKELSCHÄDIGUNG

  1. Initiale Schädigungsphase: wenn die Belastung (akut und durch längerfristige Einwirkung) die Belastbarkeit eines Muskels übersteigt, kommt es zur Zerreißung von Muskelstrukturen (exakte Lokalisation: ´Z-Streifen´ = Haltestrukturen der Sarkomere) unterschiedlichen Ausmaßes. Parallel dazu führt ein erhöhter Kalziumeinstrom in die Muskelzelle zu einer Art ´Selbstverdauung´ von Teilen der Muskelfasern.
  2. Sekundäre Schädigungsphase: diese ist für das Ausmaß der Verletzung von wesentlicher Bedeutung: einerseits die oben erwähnte ´Selbstverdauung´, anderseits die Aktivierung von Entzündung führt zu einer Ödembildung (Flüssigkeitsansammlung) im Gewebe mit Verschlechterung der lokalen Versorgung und Verstärkung der Schädigung. Es ist daher nachvollziehbar, dass die Erstbehandlungsmaßnahmen nach Muskelverletzungen auf Reduktion der Einblutung, der Entzündungsreaktion und der Ödembildung ausgerichtet sind, um so möglichst die Sekundärschädigung zu minimieren.

EINTEILUNG VON MUSKELVERLETZUNGEN (vereinfachte Darstellung)

A indirekte Muskelverletzungen

I funktionelle Verletzungen (ohne primär makroskopisch sichtbare Verletzungszeichen)

  • Typ 1: überlastungsbedingte Muskelverletzungen
  • Typ 1A: ermüdungsbedingte schmerzhafte Muskelverhärtungen:
    • ´der Muskel hat zugemacht´, ziehende und stechende Schmerzen ohne Schmerzzentrum, kein Ruheschmerz.
  • Typ 1B: ´Muskelkater´ (exakte Bezeichnung DOMS = Delayd-Onset Muscle Soreness):
    • Auftreten mehrere Stunden nach ungewohnter Belastung durch o. g. Sekundärreaktion
  • Typ 2: neuromuskuläre Muskelverletzung (Ursprung nicht im Muskel selbst, sondern im Nervensystem!)
  • Typ 2A: Rückenbedingte neuromuskuläre Muskelverletzung: erhöhte Muskelspannung und Verletzbarkeit verursacht durch Probleme in der (Lenden-)Wirbelsäule.
  • Typ 2B: ´Muskelzerrung´:
    • rascher Anstieg der Muskelspannung in einem spindelförmigen Muskelabschnitt durch eine Fehlfunktion im Nervenreiz-Leitungssystem (also nicht direkt im Muskel), krampfartiger Schmerz, bei Missachtung der Beschwerden ist die Gefahr hoch, dass daraus ein struktureller Schaden entsteht.

 

II strukturelle Muskelverletzungen (unterschiedliche Schweregrade):

  • Typ 3A: Muskelfaserriss
  • Typ 3B: Muskelbündelriss
  • Typ 4: (sub-)totaler Muskelriss B direkte Muskelverletzungen
    • Prellung u. a

Die Klassifikation klingt zugegebenermaßen sehr kompliziert, die Einteilung macht jedoch für die therapeutischen Konsequenzen absolut Sinn. Diese Konsequenzen werde ich im Teil 2 des Artikels ´Muskelverletzungen im Sport´ in praxisrelevanter Form darstellen.