Blogartikel Mai 2017

Was ist dran am Dehnen

 

von DR. RONALD ECKER

 

Dehnen oder nicht dehnen? Das fragen sich viele SportlerInnen und besonders auch LäuferInnen. Ich würde antworten: ´Schon dehnen, aber…. ´

 

In diesem Übersichtsartikel möchte ich berichten, was Dehnen im Körper eigentlich bewirkt, wann Dehnen Sinn macht und wann es sogar nachteilig ist und wie man am besten …..
Dehnen – zumindest im üblichen Ausmaß durchgeführt – führt auf jeden Fall nicht zur Längenzunahme des Muskels. Wieso nach dem Dehnen die Gelenkreichweite messbar ansteigt, liegt in einer Zunahme der sogenannten Dehnungsspannungstoleranz begründet. Die Resistenz gegen den Dehnungsschmerz wird also größer, diese Schutzschwelle kann durch Gewöhnung mittels regelmäßigen Dehntrainings in einen Bereich höherer Belastung verschoben werden.

 

Auf jeden Fall negativ ist das Dehnen, wenn es statisch vor Schnellkraft-Anforderungen ausgeführt wird:

Die Muskel-Steifigkeit nimmt durchs Stretchen ab, diese Stiffness ist bei Reaktivkraftanforderungen von großer Bedeutung!

Auch schützt statisches Dehnen vor sportlicher Aktivität definitiv nicht vor Verletzungen – ganz im Gegenteil:

durch vorübergehende Längenzunahme des Muskels durch temporäre lineare Ausrichtung von Bindegewebsfasern im Muskeln bzw. in Sehnen geht auch die Fähigkeit für gewisse Zeit verloren, vor Überdehnungen (z. B. beim Umkipp-Verletzungen) zu schützen. Auch können muskuläre Dysbalancen ganz sicher nicht durch Dehnen korrigiert werden; hier ist ein Krafttraining der Muskel-Gegenspieler (Antagonisten) sowie allgemein ein Krafttraining mit großen Bewegungsreichweiten angezeigt.

 

3 Beispiele möchte Ihnen nennen, bei denen Dehnen sehr wohl Sinn macht:

  • Bei bestimmten Verletzungen bzw. Überlastungen ist therapeutisches Dehnen angebracht, um Dehnreize speziell an Sehnenansätzen (Insertionstendinopathien: z. B. Tennisellbogen, Achillessehne) zu setzen, um etwas an Gesamtspannung abzubauen (z. B. Schmerz hinter der Kniescheibe) oder um einen durch Schonung verkürzten Muskel wieder in Originallänge zu bringen (z. B. einige Tage nach einer Muskelzerrung Oberschenkelrückseite).
  • Ich bin überzeugt, dass manche Läufer eine zu hohe Spannung in der Hüft-Beugeseite aufweisen, sodass die wichtige Überstreckung in der Hüfte in der Abstoßphase und somit eine saubere Lauftechnik verhindert.
  • Gemeinsames Dehnen nach einem Training hat auch eine nette kommunikative Komponente. Zudem geht es hier zusätzlich um ´Erhalt der Beweglichkeit´, welche in unseren Alltag ja leider allzu häufig verkümmert. Zudem ist Dehnen natürlich sehr wichtig bei beweglichkeitsdeterminierten Sportarten wie Geräteturnen, Hürdenlauf oder Kampfsport.

Welche Dehntechnik wird nun empfohlen? Das statische Dehnen ist natürlich nicht ´schlecht´, bevorzugt jedoch sollte das dynamisch federnde Dehnen mit funktionellen Bewegungen am Bewegungsende: dynamisches Dehnen ist effektiver und hat o. g. Nachteile des statischen Dehnens nicht.

  

Die Frage ´Dehnen oder nicht dehnen´ kann also zusammenfassend beantwortet werden mit: Dehnen – ja, aber…. ´.